Unsere Tochter Ramona Teil 3 - Abschied

Anfangs 1999 veränderte sich Ramona. Immer mehr zog sie sich in ihr Zimmer zurück, war für sich allein oder mit Michi zusammen. Bei der Arbeit zeigte sie weniger Freude. Sie erledigte ihren Aufgaben zwar wie immer korrekt, aber ohne die bisherige Begeisterung. Im Frühjahr erfuhr sie, dass ihre Arbeitskollegin mit der sie sehr gerne zusammengearbeitet und auch viele private Treffen hatte ein Baby erwarten wird. Danach zog sich Ramona noch mehr zurück.

Eine Umstellung des EDV-Systems war für alle Mitarbeiter eine große Herausforderung. Aus den bisherigen Erfahrungen war davon auszugehen, dass Ramona damit schnell und leicht zurechtkommen und Ansprechpartnerin für die anderen Mitarbeiter sein würde. Doch weit gefehlt! Sie tat sich unheimlich schwer. Ramona war nicht wiederzuerkennen. Da halfen auch intensive Gespräche meist durch Irida nicht weiter. Ramona war wohl physisch anwesend, seelisch und geistig jedoch nicht. Irida war der Verzweiflung nahe.

Endlich begann der Urlaub. Gemeinsam mit Ramona und Michi fuhren wir in ein Feriendorf in Kärnten. Wir hofften dass sich Ramona wieder in die Gänge kommt. Doch dies war nicht der Fall. Ab und zu blitzte Freude und Begeisterung auf um rasch wieder einer Depression zu weichen. War dies eine Depression? Wir wussten es nicht. In der zweiten Urlaubswoche fand die große Sonnenfinsternis statt. Längst wurde sie angekündigt und auf die hohe Intensität hingewiesen. Wir hatten vor diese einmalige Sonnenfinsternis miteinander zu erleben. Doch Ramona wollte nicht. Stattdessen begab sie sich allein an eine uns nicht bekannte Stelle des Geländes. Nach der Sonnenfinsternis war sie noch verschlossener als vorher.

Nach dem Urlaub konnten wir Ramona überzeugen einen Facharzt aufzusuchen. Sie entschied sich für eine Psychologin in unserer Stadt. Regelmäßige Besuche bei der Ärztin brachten keine Veränderungen in Ramonas Verhalten. Die Tabletten halfen nicht im erhofften Ausmaß. Das Zusammenarbeiten mit Ramona wurde zusehends schwieriger, mühsamer. Da waren gute Nerven gefragt. Dann endlich wollte sie wieder Spaziergänge mit mir machen. Ein paar Mal wünschte sie sich sogar mich bei meinem Außendienst zu begleiten. Da kam neue Hoffnung auf. Bei Kunden- und Baustellenbesuchen strahlte und lachte sie wie früher. Doch bald versank sie wieder in ihre Welt. Selten ging sie aus. Wenn dann nur mit ihrer Freundin Heidelinde.

An einem Abend im Oktober brach Ramona unvermittelt zu einem Spaziergang auf. Längst war es dunkel. Wir baten sie doch zu Hause zu bleiben. Doch Ramona war nicht abzuhalten. Nach einer Stunde machten wir uns Sorgen. Michi ging in ihr Zimmer und schaute nach was Ramona mitgenommen hat. Die Tabletten waren nicht mehr da. Unsere Unruhe stieg. Ich rief die Ärztin an. Allerdings konnte ich sie nicht erreichen. Eine weitere Stunde harrten Irida, Michi und ich und hofften auf die baldige Rückkehr von Ramona. Endlich kam sie wieder zurück. Sie war im Hohenemser Ried unterwegs. Keine Häuser, keine Beleuchtung, nur wenige befahrene Straßen, Wiesen und Felder. Unsere Sorgen konnte sie nicht verstehen. Mit voller Überzeugung sagte sie: „mir kann nichts passieren, meine Engel sind immer bei mir!“ Am nächsten Tag rief uns die Ärztin zurück und beruhigte uns lächelnd. Auch die Einnahme der Tabletten in einer höheren Dosis wäre nicht lebensbedrohlich gewesen. Zudem müssten wir uns wegen Ramona keine Sorgen machen. Es wäre alles im Lot. Welche Täuschung!

In den vergangenen Jahren war unsere Verbindung zu Gila van Delden intensiver geworden. Wir tauschten uns immer wieder aus. Hielt sich Gila in unserer Nähe auf kam sie stets zu uns auf Besuch. Im Oktober war dies der Fall. Gila wusste von Ramonas Veränderungen und wollte mit ihr reden. Das Gespräch dümpelte vor sich hin. Ramona wollte nicht! Gila konnte die Aura von Ramona lesen und sagte uns nachher: „ich bin erschrocken, wenn Ramona so weiter macht geht sie vor die Hunde!“ Welche Aussage, welche Klarheit! Oh, das kam für uns überraschend. Puh!

In den nächsten Tagen versuchten wir Ramona zu überzeugen eine auf ihre „Krankheit“ spezialisierte Klinik aufzusuchen. Uns lagen einige sehr gute Adressen in Österreich und Süddeutschland vor. Ramona wollte nicht. Nach langem hin und her willigte sie schließlich zu einem 3-wöchigen Aufenthalt in einem artverwandten Institut in Schruns ein. Allerdings gab uns man uns zu bedenken, dass die Einrichtung nicht unbedingt auf Ramonas Verhalten spezialisiert war. Aber, was sollten wir sonst tun? Ende November war ein Platz frei. Also hieß es durchhalten!

Im Sommer hatten sich Irida und ich zu einem Engelseminar von Gila in der Nähe von Kassel angemeldet. Ramona wollte damals nicht teilnehmen. Das Seminar sollte anfangs November stattfinden. Wir hatten uns sehr darauf gefreut. Allerdings stellten sich im Laufe der Zeit Bedenken ein. Bei Ramona war keinerlei Besserung zu erkennen. Wir konnten doch nicht Ramona in diesem Zustand mit Michi allein lassen. Ich entschloss mich das Engelseminar nicht zu besuchen und teilte dies Ramona mit. Sofort wurde sie hellhörig und sagte einer Bestimmtheit die ich ihr nicht mehr zugetraut hatte: „Papa, du fährst zum Seminar!“ Ich erklärte ihr die Gründe. Meine Argumente ließ sie nicht gelten. Ich werde auf Michi aufpassen, alles ist gut, so lauteten ihre bestimmten Worte. Ab diesem Zeitpunkt änderte sich Ramona schlagartig. Von einem Augenblick auf den anderen war sie wieder die Ramona wie früher. Lachte, strahlte. Auch bei der Arbeit wieder die „alte“ Ramona. Alle wunderten sich. Alle freuten sich. Welche wundersame Wandlung! Nach zwei Wochen konnten Irida und ich beruhigt zum Engelseminar fahren. Nein, wir brauchten uns keinerlei Sorgen zu machen.

Wie wichtig die Teilnahme am Engelseminar für die ganze Familie war sollte sich bald herausstellen. Die eindrücklichen Erlebnisse und Erfahrungen haben uns später sehr geholfen. Ramona wusste über die enorme Bedeutung des Engelseminars für uns und hatte daher alles zu unternommen um uns die Teilnahme zu ermöglichen.

Ein, zwei Tage nach unserer Rückkehr verfiel Ramona wieder in ihre vorige Verhaltensweise. Schlimm, ja es war schlimm für alle. Endlich der Termin für ihren Kuraufenthalt. Wir fuhren mit ihr nach Schruns. Ramona nahm alles ohne jede Emotion zur Kenntnis. Wir vereinbarten dass sie sich melden sollte wenn sie mit uns reden will. Ansonsten würden wir sie in Ruhe lassen.

Nach zehn Tagen immer noch keine Meldung von Ramona. Längst waren wir unruhig geworden. Sehnsüchtig hatten wir auf die Stimme unserer Tochter gewartet. Am 8. Dezember, dem Feiertag, hielten wir mit Michi Familienrat. Dann die Idee: Michi soll seine Schwester anrufen und mit ihr reden. Vielleicht einen Besuchstermin vereinbaren. So geschah es dann auch. Am Nachmittag fuhren wir drei nach Schruns. Ramona empfing uns kühl. Sie machte einen abwesenden Eindruck. Nicht einmal Michi konnte sie aufmuntern. Unsere Erwartungen an eine Besserung hatten sich nicht erfüllte. Im Gegenteil! Ramona hatte nicht einmal ihren Koffer ausgepackt. Wir brachen zu einem Spaziergang auf in die Dorfmitte auf. Behutsam versuchten wir mit Ramona ins Gespräch zu kommen. Doch vergeblich! Auch der Besuch in einem Cafe brachte uns nicht weiter. Schließlich kehrten wir zurück und verabschiedeten uns wieder. Ein Gespräch mit einem Arzt brachte keine neuen Erkenntnisse. Er meinte alles verliefe plangemäß. Da hatte er wohl Recht, aber auf eine andere Weise als er sich das vorstellte. Ramona agierte plangemäß, so wie sie es sich vorgestellt hatte! Nur, das konnten wir zu dem Zeitpunkt nicht erahnen.

Wir waren froh als wir erfuhren dass Ramona über die Weihnachtsfeiertage zu uns nach Hause kommen durfte. Am Montag, den 20. Dezember holte sie mein Vater, ihr Opa ab. Ich hatte ja alle Hände voll im Unternehmen zu tun! Hätte ich geahnt was passiert …., ja, dann ……

Am Nachmittag traf Ramona zu Hause ein. Ich kam um halb sieben Uhr von der Arbeit nach Hause. Wir drückten uns kurz, so wie früher. Allerdings: das war eine andere Ramona! Keine Freude, kein fröhliches Lachen! Am Abend setzte leichter Schneefall ein. Umso mehr waren wir überrascht als Ramona mit Iridas Auto wegfahren wollte. Um halb acht Uhr abends! Unsere Frage „wohin um diese Zeit?“ beantwortete sie mit: „zu Heidelinde“! Gott sei Dank, das sahen wir als ein gutes Zeichen. Geht’s doch wieder aufwärts? Ramona verabschiedete sich so wie immer mit einem Lächeln. „Tschüs!“ Dieses Bild sehe ich noch heute in aller Deutlichkeit!

Gegen zehn Uhr abends gingen wir zu Bett. Ramona war noch nicht zu Hause. Das beunruhigte uns etwas. Aber schließlich war Ramona ja erwachsen. Nach dem Aufwachen am nächsten Morgen stellte sich die Frage wer Ramonas abendliche Heimkehr mitbekommen hat. Weder Irida noch ich hatte dies bemerkt. Intuitiv ging ich zur Garage. Der Mazda von Irida fehlte. Also war Ramona noch nicht zu Hause. Eine Nachschau in ihrem Zimmer bestätigte dies. Sie war noch nie über Nacht weggeblieben. Die Alarmglocken schrillten! Gemeinsam mit Michi überlegten wir was zu tun ist. Ich fuhr ins Büro und fragte im Krankenhaus, dann bei der Polizei nach. Kein Unfall oder sonstiges bekannt. Heidelinde war nicht erreichbar. Nein, so war an ein Arbeiten nicht zu denken. Ich fuhr nach Hause. Michi war nicht fähig zur Schule zu gehen. Gemeinsam rätselten wir was wohl passiert sein könnte. Irida und ich saßen mit Michi in der Mitte am Tisch und hielten uns an den Händen, drückten uns und versuchten uns gegenseitig zu trösten. Immer mehr kamen wir zum Schluss dass Ramona nicht mehr lebte. Unter Tränen erinnerten wir uns an die so schöne gemeinsame Zeit. An viele Erlebnisse. An die große Liebe, die Freude. Ja, wir nahmen Abschied von Ramona ohne näheres zu wissen.

Und doch war sie noch da, die Hoffnung für eine rasche Aufklärung. Doch keine Meldung! Eine Rücksprache mit Heidelinde ergab dass Ramona gestern Abend nicht bei ihr war. In der Mittagspause kam Heidelinde zu uns. Wir überlegten wohin Ramona gefahren sein könnte. Ohne Ergebnis. Weitere Telefonate im Verwandten- und Bekanntenkreis blieben ebenso erfolglos. Auch von der Polizei hörten wir nichts.

Am späteren Nachmittag fuhr ich ins Fernsehstudio. Eine Suche in der regionalen abendlichen Fernsehsendung schien uns eine Lösung zu sein. Normalerweise wurde eine Personensuche bei Erwachsenen erst im Abstand von ein paar Tagen durchgeführt. Nach eingehender Schilderung der bisherigen Geschehnisse war der Redakteur bereit an diesem Abend die Personensuche bekanntzugeben. Ein Foto von Ramona hatte ich extra mitgenommen. Hoffnung kam auf. Wir informierten noch ein paar Verwandte und Freunde damit sie auf die Sendung vorbereitet waren und nicht allzu sehr erschraken. Der Aufruf brachte keinen Erfolg. Ramona war und blieb verschwunden.

Am Abend trafen unsere besten Freunde ein. Tränen in den Gesichtern und doch mit der Absicht uns zu helfen. Ein hellsichtiger Nachbar rief uns an und meldete: „Ramona hält sich in einem Bereich mit viel Beton auf, nicht weit entfernt, wo weiß ich nicht.“ Wir beschlossen Ramona zu suchen. Gemeinsam mit unserem Freund Walter fuhren Michi und ich die Tiefgaragen in den umliegenden Ort an. Suchten Ramona mit ihrem roten Auto. Erfolglos kehrten wir zurück.

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